#akep15: Internet of Things – Worum geht es hier eigentlich?

Eine wichtige Aufgabe des AKEP besteht darin, branchenrelevante Zukunftstrends zu erkennen, aufzunehmen und sie für die Branche zugänglich und verständlich zu machen – da gehört das „Internet der Dinge“ unbedingt dazu. Hoffen wir, dass dieses Thema nicht als bloßer Hype abgetan wird, bevor es seine Relevanz unter Beweis stellen kann. Siehe hierzu auch Gartners Hype Cycle for Emerging Technologies:

HC_ET_2014

Wie auf diesem Bild deutlich zu erkennen, steht das Internet of Things auf dem Höhepunkt aller Hypigkeit, aber was verbirgt sich denn aber nun eigentlich hinter diesem ominösen Begriff?

Bei Wikipedia findet man folgende Definition:
“Der Begriff Internet der Dinge (englisch Internet of Things, Kurzform: IoT) beschreibt, dass der (Personal) Computer zunehmend als Gerät verschwindet und durch „intelligente Gegenstände“ ersetzt wird. Statt – wie derzeit – selbst Gegenstand der menschlichen Aufmerksamkeit zu sein, soll das „Internet der Dinge“ den Menschen bei seinen Tätigkeiten unmerklich unterstützen. Die immer kleineren eingebetteten Computer sollen Menschen unterstützen, ohne abzulenken oder überhaupt aufzufallen. So werden z. B. miniaturisierte Computer, sogenannte Wearables, mit unterschiedlichen Sensoren direkt in Kleidungsstücke eingearbeitet.”

Industrie 4.0 oder die vierte industrielle Revolution

Ich denke, dass diese Erklärung viel zu kurz greift. Während unsereins vielleicht an Kühlschränke denkt, die abhängig von den darin gelagerten Vorräten, den Einstellungen unserer Fitness-App und dem dort vermutlich nur bedingt realistisch eingetragenen Körpergewichts-Wunsch das Abendessen vorschlagen, sieht die Industrie das Ganze in erheblich größeren Kontext. Dort nennt sich das IoT Industrie 4.0 und wird gar als die 4. industrielle Revolution bezeichnet. Das klingt schon deutlich wichtiger und nach grundlegenden Prozess-Veränderungen; seit geraumer Zeit gibt es dafür eine eigene Plattform der wichtigsten Industrieverbände, Forschungseinrichtungen und Ministerien.

Nach der Mechanisierung der Produktionsabläufe (Revolution 1), der Taylorschen Massenfertigung (Revolution 2) und der gerade noch stattfindenden Digitalisierung (Revolution 3) steht nun also die zum Teil selbststeuernde, selbstlernende, selbstoptimierende Fertigungstechnik an, die individualisierte und gleichzeitig hochautomatisierte (Massen)Produktion ermöglicht. Der Begriff „Smart Factory“ taucht in diesem Zusammenhang häufig aus.

Ind_Rvolutionen

Aber so richtig schlau macht uns das auch nicht, oder? Also versuchen wir es anders:

Das Internet der Maschinen

Im Endeffekt geht es darum, dass sich das Internet der Menschen um ein Internet der Maschinen bzw. ein Internet der Dienste erweitert: Bislang haben wir per Internet von Mensch zu Mensch kommuniziert oder eingekauft. Im Internet 1.0 geschah das noch in erster Linie per E-Mail und hatte wenig mit dem uns heute so geläufigen Webseiten-Internet zu tun. Mit Cookies (also der Speicherung personenbezogener digitaler Verhaltensdaten), E-Commerce und vor allem den Social-Media-Plattformen wurde das anders. Seitdem werden fleißig Daten eingesammelt und ausgewertet, um per Algorithmus maßgeschneiderte Informationen und Produkte anzubieten – mit mehr oder weniger großem Erfolg. Maschinen werten also Daten von Menschen aus und spielen die Ergebnisse zurück.

Im Internet der Dinge geht das Ganze noch deutlich weiter. Hier unterhalten sich Maschinen (= Datenbanken von Websites, Apps, Programmen etc.) miteinander, tauschen über Schnittstellen Daten aus und agieren dann über Zwischensysteme wieder mit den Menschen. Diese Maschinensysteme sollen dabei möglichst in der Lage sein, zu lernen und ihre Algorithmen selbstständig zu verbessern. So können z.B. Empfehlungssysteme nicht nur maschinell registrierte Shop-Einkäufe von Shop A, sondern auch die von Menschen eingegebenen Bewertungen auf Plattform B integrieren und – je nach Marktentwicklung und Nutzerverhalten – selbstständig anpassen.

Gefahr oder Chance?

Hat gerade jemand an den Film „Terminator“ denken müssen? Immerhin hat das Ganze durchaus ein gewisses Horrorszenario-Potenzial: Maschinen, die miteinander reden und scheinbar ohne Transparenz und Kontrolle mit Daten über uns Entscheidungen für uns treffen – und dabei von selbst immer schlauer werden. Einerseits beschleicht uns Angst, was dabei alles passieren und wozu unsere Daten missbraucht werden könnten. Andererseits bieten sich hier ungeahnte Möglichkeiten, die unser Leben, einfacher, gesünder und sicherer machen könnten:

Ein Rauchmelder, der mit einem Heizungs- oder Klimaanlagenthermostat kommuniziert und abschätzen kann, ob nur der Auflauf im Ofen angebrannt ist oder er doch besser die Feuerwehr rufen soll. Oder eine Uhr bzw. ein Armband, dass Gesundheitsdaten misst, online und live mit einer Patienten-Datenbank abgleicht und im Notfall seinen Träger warnt, den Notarzt ruft und z. B. bei einem Schlaganfall das Stroke-Team im nächsten Krankenhaus informiert. Und so weiter und so fort.

Eine Frage des Vertrauens

Ob wir hier in erster Linie Angst bekommen oder Chancen sehen, ist eine Frage des Vertrauens. Glauben wir daran, dass es uns gelingt, solche Systeme so zu entwickeln, dass sie uns helfen und nützen oder nicht? In letzter Konsequenz führt diese Frage noch ein Stück weiter: Was ist uns wichtiger: Privatsphäre oder Bequemlichkeit = Convenience?

Eigentlich fühlen wir uns ja alle gerne enorm selbstbestimmt und wachen sorgsam über die Daten, die wir über uns herausgeben. Gleichzeitig schreiben wir aber lieber Facebook-Nachrichten statt E-Mails, einfach weil es bequemer ist. Oder wir essen – statt abends lange zu kochen – schnell eine Tiefkühlpizza und vertrauen darauf, dass der Hersteller unverdorbene, vielleicht sogar noch biologisch angebaute Zutaten verwendet, dass die Zubereitungsprozesse hygienisch einwandfrei ablaufen, dass beim Einschweißen in die Plastikverpackung nichts schief geht, dass die Salami-Pizza nicht in der Tunfisch-Pizza-Verpackung landet, dass das auf dem Karton aufgedruckte Verfallsdatum auch tatsächlich stimmt und die Kühlkette von der Fabrik bis zum Supermarkt nirgendwo unterbrochen wird.

Das Essen einer Tiefkühlpizza ist also letzten Endes eine einzige lange Vertrauenskette, die für uns komplett selbstverständlich geworden ist und über die wir (leider?) nicht mehr nachdenken. Das Internet der Dinge stellt hier lediglich eine weitere und sehr konsequente Evolutionsstufe dar, denn jede dadurch geschaffene Anwendung braucht wieder in erster Linie eines: unser Vertrauen, dass dabei nichts schief geht.

Und was bedeutet das für die Buchbranche?

Zunächst müssen wir etwas akzeptieren: Das Internet der Dinge ist KEIN Buzzword und kein Hype. Und es wird nicht irgendwann kommen, es ist schon da. Jetzt. Heute. Und es geht auch nicht mehr weg. Wir sollten uns also dringend fit darin machen, bei diesem Spiel mitspielen zu können. Nur als Beispiele, was sich auch in unserer näheren Nachbarschaft bereits tut: Amazon hat seine Webservices bereits dafür ausgerichtet und Intel hat eine eigene Plattform samt Entwicklungsumgebung dafür geschaffen. Auch Microsoft, IBM, Apple und Google sind mit enormen Anstrengungen und Entwicklungen dabei.

Daten sind Werte!

Der nächste Schritt ist also zu lernen, was für Daten man dafür eigentlich braucht, wie man sie bekommt und wie man damit überhaupt arbeiten kann. Auf der einen Seite geht es dabei um Produkt- sowie Kundendaten auf der anderen Seite um die passenden Metadaten. Denn wenn in Zukunft BMW, Audi oder die Bahn beschließen sollten, die Entertainmentsysteme Ihrer Autos und Züge mit E-Books und Hörbüchern zu versehen, wird derjenige Contentlieferant der attraktivste Ansprechpartner sein, der nicht einfach nur die Inhalte samt der nötigen Rechte besitzt, sondern der die Daten am vollständigsten und saubersten vorhält.

Beispiele dafür gibt es bereits einige : So kooperieren Kobo mit Southwestern Airlines, HarperCollins mit der Airline JetBlue und Penguin Random House mit der Eisenbahngesellschaft Amtrak.

Somit ist also nicht mehr nur der Inhalt an sich wirtschaftlich wertvoll, sondern auch seine Datenstruktur und seine Metadaten. Ohne saubere Datenhaltung klappt kein reibungsloser Export in andere Systeme und ohne valide und umfassende Metadaten funktionieren weder etwa eine Suche nach Inhalten noch z. B. ein nachgeschaltetes Empfehlungsmanagement. Hier verändern sich die Wertschöpfungsketten gerade erheblich – auch die Daten um Inhalte herum werden ein Wirtschaftsgut.

Buchhändler sind Profis im Erheben von Daten

Auch der Handel hat wohl kaum eine andere Wahl, wenn er im Online- aber in letzter Konsequenz auch im Offline-Verkauf weiter mitspielen möchte. Er muss eigene Strategien entwerfen, um seine Kunden besser kennenzulernen – dabei spielt es keine Rolle, ob er die Daten selbst erhebt oder vielleicht einkauft, Hauptsache er hat sie und arbeitet damit.

Und eigentlich beruht die persönliche Beratung im Laden, also DIE Kernkompetenz des stationären Buchhandels schon immer weitgehend auf dem Erheben personenbezogener Daten: Sobald eine Großmutter um Rat fragt, welches Buch sie ihrer Enkelin schenken soll, stellt der Buchhändler diverse Fragen, um den vermutlichen Geschmack der Enkelin zu treffen und der Großmutter zu einem möglichst passenden Geschenk zu verhelfen. In diesem Moment weiß der Buchhändler eine ganze Menge über die Wünsche und Nöte seines Kunden, nur hält sie oftmals nirgends fest und diese wertvollen Informationen gehen verloren.

Natürlich wollen nicht alle Kunden, dass man solche Daten festhält und natürlich darf hier kein Zwang entstehen, aber eigentlich wäre es doch ganz hilfreich, wenn der Buchhändler beim nächsten Besuch der Kundin nachfragen könnte, ob das Buch der Enkelin gefallen hat um ihr eventuell gleich eine weitere Buchempfehlung zu geben. So entstünde für Händler und Kunde ein echter Mehrwert.
Ideen und Ansätze für den lokalen Handel der Zukunft

Wenn man dieses Szenario weiterdenkt, wäre es so möglich mit den Methoden des Internet der Dinge Brücken zwischen verschiedenen lokalen Händlern zu schlagen. Warum sollte der Metzger oder der Supermarkt nicht in der Lage sein, dem Kunden aufgrund seiner Einkäufe eine Empfehlung für ein Kochbuch beim Buchhändler von nebenan zu geben? Oder der Baumarkt für ein Heimwerkerbuch und die Drogerie für ein Gesundheits-E-Book? Voraussetzungen dafür wären transparente Produktdaten, intelligente Auswertungssysteme – und bei personalisierten Angeboten der Zugang zu personenbezogenen Daten.

Erste konkrete Ansätze für den Handel gibt es bereits: So bietet Facebook in den USA kostenlose Beacons an, die in der Nähe des Ladens befindliche Facebook-User auf die Einzelhandelsgeschäfte aufmerksam machen und konkrete Angebote auf deren SmartPhones erlauben. Hier ein kleiner Blick auf ein paar Möglichkeiten der iBeacon-Technologie im Handel.

Auch einige Start-Ups haben Ideen für den lokalen Handel, man denke an die geschäftsübergreifende Produktsuche von Locafox in Berlin oder an Findeling in Hamburg.

Wer gerade den Zeigefinder angesichts der aktuellen Gesetzeslage erheben möchte: Ich gehe davon aus, dass sich die Datenschutz-Gesetze eher früher als später den Lebens- und Einkaufsgewohnheiten der Menschen anpassen werden. Eine Tiefkühlpizza wäre früher sicherlich auch nicht gesetzeskonform gewesen.

Fazit

Ich bin davon überzeugt, dass das Internet der Dinge für uns bald selbstverständlich sein wird. Die Mechanismen und Technologien dahinter werden sich rasch nahtlos in unser Alltagsleben integrieren und damit sozusagen zum unsichtbaren Betriebssystem unseres Handelns, unserer Entscheidungen und unseres Konsumverhaltens. Die Inhalte, Daten und Produkte unserer Branche können ein wichtiger Teil dieser Zukunft sein, denn gute Geschichten und hochwertige Sach- und Fachinhalte werden immer gebraucht, daran wird sich nichts ändern. Aber falls die Buchbranche weiter eine wichtige Rolle spielen möchte, muss sie sich mit diesem Thema ernsthaft auseinandersetzen und handeln. Und zwar jetzt.

Schreibe einen Kommentar