Video im EPUB – Herangehensweisen, Tipps und Demo-Download

Gastbeitrag von Kai Weber, Ernst Reinhardt Verlag

No to Video!Neulich bat mich eine Lektorin um Vorgaben für Autorinnen und Autoren, die Videos abliefern können, wollen oder sollen, damit wir damit “enhanced e-Books” machen können. Nichts leichter als das, dachte ich. Schließlich diskutieren wir E-Publishing-Leute das schon seit Jahren. EPUB3 sollte doch inzwischen zumindest in den Grundfunktionen überall implementiert sein und Elizabeth Castros “Miniguide Audio and Video in EPUB” ist schon über ein Jahr auf dem Markt. Vor einigen Monaten tauchte dann auch noch das wunderbare EPUB3 support grid  auf – und so dachte ich, ich müsste nur eine kleine, kurz gefasste Zusammenstellung aus diesen Quellen erstellen und die Frage der Lektorin sei beantwortet.

Ich irre mich bestimmt häufig, aber so sehr wie in diesem Fall lag ich schon lange nicht mehr daneben.

Eine systematische Herangehensweise an das Thema

Wenn wir E-Publishing-Leute von den wunderbaren multimedialen und interaktiven Möglichkeiten des heraufziehenden E-Book-Zeitalters reden – und wir reden viel, wenn der Tag lang ist -, dann sprechen wir immer nur davon, was auf Apple-Geräten möglich ist. Manchmal gibt’s noch einen kleinen Seitenblick auf Amazon und bei den Amerikanern auf Nook, das war’s. Und ja: In Apples iBooks funktionieren Videos fast so, wie’s im HTML5-Lehrbuch steht. Aber schon die meisten anderen E-Book-Apps für das iOS müssen passen.

Was soll man dann als Verlag tun, wenn man glaubt, dass die eigene Kernzielgrupppe sich nicht in iBooks herumtreibt? Was tun, wenn man auf Adobe DRM setzen möchte? Was tun, wenn man über typisch deutsche Kanäle wie etwa Libreka!, eBook.de oder Ciando verkaufen möchte und es zwar einerseits den Kundinnen überlassen möchte, auf welchen Systemen sie ihre E-Books lesen, die eingebetteten Multimediafunktionen aber möglichst auf allen multimediafähigen Geräten auch angezeigt werden sollen?

Nun, schließen wir zunächst die e-Ink-Lesegäte aus. Die sind nicht für Bewegtbild gemacht und wer sich ein solches Gerät kauft, sollte sich dessen bewusst sein. Nächster Kandidat: Adobe Digital Editions (ADE). Aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil der E-Books noch mit Adobe DRM angeboten wird, dürfte ADE in vielen Fällen das Standardlesesystem für viele E-Books sein. E-Books mit Videos in ADE? Google wusste keine Antwort, also half nur eins – Testdateien erstellen: EPUB2 mit XHTML und Video-Einbettung per <object>-Tag und Fallback im <embed>-Kindelement. EPUB3 mit HTML5 und dem <Video>-Tag. Aber das genügt noch nicht: Man muss diese beiden Varianten auch mit verschiedenen Video-Containern und -Codecs testen: mp4 (welches bei Apple m4v heißen muss), WebM, Flash – und wenn man genug Energie hat, kann man die Liste gerne noch erweitern.

Ernüchterndes Ergebnis: Im neuen ADE 2.0 hat keine von mir getestete Variante funktioniert. Im alten ADE 1.7.2 gab es immerhin eine Möglichkeit: Video in einer .swf-Flash-Datei läuft. (Eine Videosteuerung in .swf, die ein Flash-Video aus einer .flv-Datei aufruft, habe ich in ADE nicht zum Laufen bekommen, halte es aber nicht für ausgeschlossen, dass ein Flash-Entwickler so etwas hinbekommt.) Aber gab es da nicht ein Problem mit Flash auf allen mobilen Geräten? Und möchte man Kundinnen und Kunden sagen, dass sie das „enhanced e-book“ bitte nicht in der neuen, sondern nur in der alten Version von ADE lesen sollten? Bleibt im Rahmen der Adobe DRM-Welt schließlich noch eine Möglichkeit zu prüfen: Die Bluefire-App bringt Adobe DRM-geschützte Inhalte auf Android und iOS, entweder selbst oder in gebrandeten Apps anderer Anbieter wie z.B. Ciando. Hier funktionierte aber wieder gar keine meiner Varianten. Eine Anfrage an das Bluefire HQ in Seattle blieb bis jetzt unbeantwortet. Also ist das auch keine Option. Fazit: Adobe DRM und Video, das geht gar nicht.

Für offene EPUBs kann man Kundinnen den ebenfalls kostenlos erhältlichen Azardi Reader für das Desktop empfehlen. EPUB3 mit OGG-Video in Theora-Codierung ist hier möglich. Will man mit einer einzigen E-Book-Datei sowohl iBooks- als auch Azardi-Leserinnen bedienen, kann man jeden Videoclip doppelt einbinden: Einmal als OGG, einmal als Mp4/m4v. Bedenken muss man dabei aber auch, dass Videodateien viel Speicherplatz brauchen und man mit dieser Maßnahme die Größe des EPUBs fast verdoppelt. Das kann ein Problem sein bei mobilen Geräten – 8MB Gesamtspeicherplatz oder weniger sind hier durchaus noch üblich, Kann man es Kunden zumuten, ein Zehntel des Speicher­platzes oder mehr für ein einziges E-Book zu belegen? Und bei Verträgen mit Beschränkung der Download-Menge kann sich diese Maßnahme auch sehr negativ auf die Mobilfunkrechnung auswirken…

So richtig schön ist das alles nicht: Es gibt viel zu viele Ausnahmen, die es verhindern, dass man im vollen Brustton der Überzeugung für ein „enhanced e-book“ werben möchte. Möchte man es etwa so machen wie die E-Book-Abteilung der Plattenfirma Naxos , die E-Books mit integrierter Musik anbieten, die Musik aber nur in der iBooks-Variante enthalten ist?

Vielleicht sollten wir lieber noch 10 Jahre warten?

Und was habe ich nun meiner Kollegin auf die Ausgangsfrage geantwortet? Ich habe mir möglichst unkomprimierte Rohdaten gewünscht. Bis unser erstes „enhanced e-book“ erscheint, wird es noch ein paar Monate dauern (ein E-Publishing-Kollege hat mir gar geraten, noch zehn Jahre zu warten). Wenn es so weit ist, werde ich mich noch einmal umschauen und in die dann nötigen Auslieferungsformate konvertieren lassen. Wahrscheinlich wird es auf MP4 hinauslaufen, wobei dann noch ein weiteres Problem zu lösen sein wird: Das MP4-Containerformat enthält viele verschiedene patentrechtlich geschützte Teile. Die Lizenzbedingungen habe ich noch nicht im Detail geprüft. Wenn man einen Blick in die offiziellen FAQ  wirft, wird man schnell merken, dass es kein Zuckerschlecken wird, wenn man hier rechts­sicher vorgehen möchte – im Gegenteil: Das sieht nach sehr viel Arbeit aus.

 

Eine tabellarische Übersicht meiner Testergebnisse:

  MP4 (H.264) WebM (VP8) OGG (Theora) Flash (.swf, H.264) Flash-Video (FLV, H.264)
Adobe Digital Editions 1.7.2 (Windows, Mac) Nein Nein Nein Ja Nein
Adobe Digital Editions 2.0 (Windows, Mac) Nein Nein Nein Nein Nein
Bluefire Reader, Ciando Reader (Android, iOS) Nein Nein Nein Nein Nein
Sony Reader Library (PC) Nein Nein Nein Nein Nein
Geräte mit Ink-Display Nein Nein Nein Nein Nein
iBooks (iOS) Ja Nein Nein Nein Nein
Azardi Reader Desktop Nein Nein Ja Nein Nein
Kobo App (iOS) Nein Nein Nein Nein Nein

Angaben zu weiteren, von mir selbst nicht getesteten E-Book-Umgebungen finden sic h im erwähnten EPUB3 support grid.

 

Ein Demo-EPUb zum Testen findet sich hier:
http://www.akep-jahrestagung.de/wp-content/uploads/multimedia/Video_Formate_EPUB3.epub

Der Autor dankt der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. für die Erlaubnis, ihr Video verwenden zu dürfen.
http://www.deutsche-alzheimer.de/

Kai Weber
Ernst Reinhardt Verlag
e-Publishing / e-Business

1 comment

Aber warum probieren Sie die Einbindung von Videos nicht einfach über QR-Codes? Die können Sie in jedem Format mit abdrucken.
Frohmut Menze

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