„Digitale Schnittstellen“ – ein Barcamp zum Digitalen Publizieren

„Digitale Schnittstellen“ – ein Barcamp zum Digitalen Publizieren

Am 24.09.2015 hatten der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zusammen mit der Süddeutschen Zeitung und Microsoft zu einem Tag des Austauschs von Verlagsleuten, Publishing-Startups, Bloggern, Software-Anbietern, Autoren und Fachleuten im Digitalen Publizieren geladen. In einer Arbeitskonferenz nach dem Barcamp-Prinzip wollten die 30 Besucher zunächst “ihre eigene Ratlosigkeit vernetzen”, wie es in der Einladung hieß.

Das Besondere: die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse sollen nicht nur festgehalten, sondern über ein ganzes Jahr hinweg in mehreren Stationen weiter bearbeitet werden. Über einen längeren Zeitraum soll so beobachten werden, wie sich die Ideen-Entwicklung auch in der Praxis umsetzen lässt.

Barcamp Digitale Schnittstellen 2015

Barcamp Digitale Schnittstellen 2015

Schon die Vorstellungsrunde und die Thesen der Protagonisten zur Entwicklung von Schreiben, Lesen und Publizieren im Digitalen zeigte deutlich, dass die „Vernetzung der Ratlosigkeit“ eine ausgesprochen treffende Metapher war: Unglaublich breit gestreut waren die Ansätze der Teilnehmer aus den verschiedensten Branchenbereichen und schnell wurde in der Diskussion klar, dass es keinen Bereich der Buchbranche gibt, der nicht vor tiefgreifenden Veränderungen und grundlegenden Einschnitten steht.

Für die Workshops am Nachmittag kristallisierten sich im Laufe der Diskussion folgende vier Themen heraus, die die ganze Bandbreite der Problemstellungen abbilden dürften:

  • Autoren-Tools zum digitalen Schreiben
  • Wie wird das digitale Lesen in fünf Jahren aussehen?
  • Die Rolle des Verlages im neuen Ökosystem: Was sollte ein Verlag tun? Was sollte er lassen?
  • Wie können Verlage Metadaten besser für die Vermarktung ihrer Produkte verwenden?
Barcamp Digitale Schnittstellen 2015: Fragen und Themen

Barcamp Digitale Schnittstellen 2015: Fragen und Themen

Die Ergebnisse der Workshop wurden am Ende im Plenum vorgestellt und intensiv diskutiert:

Autoren-Tools zum digitalen Schreiben

Die Arbeitsgruppe zum Schreiben im Digitalen deckte mit ihrer Wunschliste für die Tools von morgen so ziemlich alles an Themen ab, was es in der verfügbaren Infrastruktur noch nicht gibt: von transparenter, aber unaufdringlicher Versionierung über eine vernünftig handhabbare Markup-Steuerung bis hin zu kollaborativen Funktionen, die eine Tiefe der Rollen- und Rechte-Steuerung erfordern, wie sie aus modernen Content-Management-Systemen bekannt ist.

Die Rolle des Verlages im neuen Ökosystem

Im Ergebnis hatte der Workshop zur Rolle des Verlags folgende Do’s und Don‘ts zu bieten:

Das sollte ein Verlag in Zukunft tun…

  • Kenne die Nutzungsumgebung deiner Zielgruppe: Wo werden Inhalte genutzt, in welchen Situationen und auf welchen Geräten?
  • Sorge für Feedbackmöglichkeiten: Gute Digital-Produkte haben Schnittstellen zum Kunden und Rückkanäle zum Verlag eingebaut und stiften zum Dialog an.
  • Kenne das Nutzungsverhalten: Erst wenn man das Leseverhalten bzw. die Arbeitsweise des Kunden kennt, kann man über den reinen Text hinaus Funktionalitäten und Content-Erschließung entwickeln, die im Digitalen echte Mehrwerte bringt.
  • Beziehe den Autor in die Konzeption der gesamten Produktpalette ein: Nicht nur für das Manuskript, auch für alternative Produktformen und die Vermarktung haben Autoren in der Regel tolle Ideen – wenn man sie lässt, und nicht auf die Rolle des Manuskript-Lieferanten beschränkt.
  • Schaffe dem Autor eine klare Infrastruktur: Der Verlag sollte hier zum Plattform- und Service-Anbieter für die Autoren werden.
  • Schaffe eine transparente Rechte- und Honorarverwaltung

…und das sollte er lassen:

  • Medienneutralität ist keine Strategie, “XML first” auch nicht: Natürlich führt um XML kein Weg vorbei, je fachlicher und semantischer strukturiert Verlagscontent ist. Aber die letzten Jahre haben deutlich gezeigt, dass Inhalte nur sehr schwer vom konkreten Endmedium abstrahiert werden können – vor allem wenn man die Eigenschaften des Mediums nur unzureichend kennt und komplexe Content-Strukturen umzusetzen hat.
  • Nicht nur in Büchern und Buchkalkulationen denken: Das Mindset prägt die Produktwelt. Und je mehr man sich angewöhnt, digitale Modelle eigenständig zu kalkulieren, umso mehr können Ideen für neue Strategien entwickelt werden.
  • Metadatenstrategie nicht vergessen: Siehe unten. Ohne Metadaten gibt es keine Sichtbarkeit – weder im Netz noch in den Shops.
  • Don’t prototype without a process: Prototypen-Entwicklung ist unbedingt nötig für die ersten Schritte im Digitalen. Aber ohne einen klaren Prozess, mit dem die Erkenntnisse aus dieser Phase auch für die weitere Entwicklung genutzt werden können, wird man vor allem viel Geld verbrennen und kaum vorankommen.
Barcamp Digitale Schnittstellen 2015: Do's und Don'ts für Verlage

Barcamp Digitale Schnittstellen 2015: Do’s und Don’ts für Verlage

Wie wird das digitale Lesen in fünf Jahren aussehen?

Die Barcamp-Teilnehmer haben ihrer Fantasie freien Lauf gelassen und munter in die Zukunft projiziert, was jetzt schon an Bedürfnissen und technischen Ansätzen vorhanden ist: erhöhte Nutzung der Vernetzungsmöglichkeiten von Texten, Individualisierung von Lese-Erlebnissen für verschiedene Zielgruppen, Situationen oder soziale Bedürfnisse, Automatisierung von Texterstellung und Anpassung oder auch das Lesen als „Second Screen“ waren hier zentrale Ideen. Spannend ist dabei die Feststellung, dass fast keiner der Ansätze bisher von den großen Plattformen für digitales Lesen auch nur ansatzweise abgedeckt wird – für die Zukunft ist hier also noch viel Luft nach oben, die nicht nur von den großen Playern gefüllt werden muss.

Barcamp Digitale Schnittstellen 2015: Zukunft des Lesens

Barcamp Digitale Schnittstellen 2015: Zukunft des Lesens

Wie können Verlage Metadaten besser nutzen?

Die Erkenntnisse des Workshops zu Metadaten:

  • Ein erweitertes Metadatenset ist nötig: Nicht nur ein einfacher Satz an Warengruppen, Keywords oder THEMA-Klassifikationen kann für besser Verwertungsmöglichkeiten sorgen. Eine sehr viel klarere Vorstellung, wo sich Kunden im Netz wie bewegen, nach was sie dort suchen und wie sie anzusprechen sind, sollte für das Metadaten-Sammeln entwickelt werden. Auch nutzergenerierte Metadaten werden in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen.
  • Metadaten sind kaum nutzbar ohne Personas: Alle Klassifikationen von Content können zunächst nur Rohmaterial sein, das auf ein konkretes Bild vom Kunden bezogen werden muss, um für operationalisierbare Strategien verwendbar zu sein. Erst über eine Methode wie das Persona-Modell, die klar macht, welche Fragestellungen überhaupt sinnvoll sind, können Metadaten auch erfolgreich angewandt werden.
  • Strategieentwicklung mit Touchpoints: Für jede Kundengruppe muss definiert werden, wo im Netz die Berührungspunkte mit dem Verlag sind. Kennt man diese Touchpoints und auch die Medienformate, die dort notwendig sind, lassen sich die Tools und Prozesse zur erfolgreichen Nutzung von Metadaten entwickeln.

Insgesamt hatten alle Workshops wirklich spannende Ergebnisse zu bieten – was wieder einmal das große Potenzial von offenen, interaktiven Formaten wie dem Barcamp für das digitale Publizieren zeigt.

Was kommt nach dem Barcamp?

Der Livestream des Tages lässt sich noch über Twitter unter dem Hashtag #schnittstellen1 nachverfolgen, dazu hat Kathrin Passig einen tollen Liveblog der Veranstaltung auf Google Docs veröffentlicht, der mittlerweile an vielen Stellen um Kommentare ergänzt wurde.

Die Ergebnisse des Barcamps werden zur folgenden Gelegenheiten vorgestellt und weiter ausgearbeitet:

  • Auf der Frankfurter Buchmesse im Orbanism Space, Halle 4.1, B73, 15. Oktober,10 bis 11 Uhr und 17 bis 17.30 Uhr
  • Bei der digital*litera* am 27. Januar 2016 in Berlin
  • Beim Kongress future!publish am 28./29. Januar 2016 in Berlin.

Im September 2016 ist dann als Abschluss der Veranstaltungsreihe ein zweites Barcamp zum Thema geplant, Gastgeber ist dann Microsoft in Berlin.

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