Die fragile Schönheit des Digitalen

Wann empfinden wir digitale Inhalte als „schön“? Oftmals landet man bei Diskussionen über die Vorzüge und Nachteile von digitalen und gedruckten Büchern in einer Sackgasse, wenn man beim Totschlagargument Schönheit landet.

Manchmal wird die Schönheit auch diffus Haptik genannt. Dann ist von Geruch die Rede, vom Geräusch beim Umblättern oder dem besonderen Gefühl beim Anfassen von Papier. Der Grund, warum man hier in der Regel nicht weiterkommt, liegt quasi auf der Hand: Es gibt einen Konsens, welche Kriterien ein gedrucktes Buch schön machen. Auch wenn die Meinungen in Bezug auf geschmackliche Feinheiten divergieren kann. Die Stiftung Buchkunst kürt alljährlich Bücher zu den schönsten deutschen Büchern:

Die 25 Schönsten sind vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung. Die prämierten Bücher zeigen eine große Bandbreite gestalterischer und herstellerischer Möglichkeiten, jedoch berücksichtigt die Auswahl auch das leisere, solide gemachte Lesebuch. Bücher, die Zeichen setzen und wichtige Trends und Strömungen des Buchmarkts aufzeigen. (Quelle)

Wer die Begründungen für die ausgezeichneten Bücher aufmerksam liest, kann sehr viel über die Kriterien lernen, die ein schönes Buch kennzeichnen. Aber was macht ein digitales Buch schön? Und warum sollte der Begriff der Schönheit im Digitalen überhaupt beachtet werden? Diesen Fragen stellten wir uns unlängst auf der Frankfurter Buchmesse.

2015-10-14 15.17.31

»Es ist gar nicht leicht, so schön zu sein, wie man aussieht.« Sharon Stone

Die fragile Schönheit des Digitalen nannten wir unsere Veranstaltung, und sie war eine Einladung, miteinander laut zu denken und Impulse für weitere Gespräche und Gedanken zu geben. Moderiert wurde sie von mir, Wibke Ladwig, und meine Gäste waren Andrea Schmidt, Dominik Ziller und Johannes Frank vom Verlagshaus Berlin.

Um über die Schönheit von digitalen Büchern zu sprechen, lohnt ein Blick auf die Begriffe von Schönheit und Ästhetik. Abstrakten Begriffen wie dem Begriff der Schönheit ist zu eigen, dass es keine einheitlichen Wertmaßstäbe gibt. Was Menschen als schön empfinden, ist dem Wandel von Zeitgeist, Gewohnheiten und Geschmack sowie kulturellen Unterschieden unterworfen. Die immerwährende Suche nach dem Wesen von Schönheit spiegelt sich in den Künsten und allen Geistes- und  Naturwissenschaften.

Mir gefällt, wie Schiller sich der Frage nach der Schönheit annimmt, nämlich als harmonisches Zusammenspiel von Vernunft und Sinnlichkeit. Im Spiel eignet sich der homo ludens, der spielende Mensch »mit der Freude am Schein und der Neigung zum Putz«, die Welt an und vereint den niederen (sinnlichen) Stofftrieb mit dem höheren (vernünftigen) Formtrieb. Meiner Ansicht nach laden Schillers Gedanken zum Spiel mit den Aspekten von Vernunft und Sinnlichkeit ein − und welchen Anteil diese Aspekte an unserer unterschiedlichen Wahrnehmung von Schönheit im Digitalen und Analogen haben können. Welche sinnlichen und vernünftigen oder vielmehr praktischen Aspekte erfüllt ein gedrucktes Buch und welche lassen uns ein digitales Buch als schön empfinden? Die Kriterien für das schöne Buch im Analogen lassen sich nicht 1:1 auf das Digitale übertragen. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht auch Schönheit im digitalen Buch empfinden und finden kann.

Der Inbegriff von Schönheit: Wie kommt die Lyrik ins Digitale?

Mit der Erforschung von Schönheit im Digitalen befasst sich das Verlagshaus Berlin. Der unabhängige Verlag veröffentlicht Lyrik und Illustration. In diesem Jahr wurde ihre Edition Revers von der Stiftung Buchkunst geehrt. Im Frühjahr 2016 wird die Edition Binär erscheinen, mit der Lyrik im Digitalen eine Form finden wird. Lässt sich ein belletristischer Text durchaus als Digitalisat im Ebook veröffentlichen, gestaltet sich dies bei Gedichten als äußerst schwierig. Gedichtzeilen, die durch die Anpassung an verschiedene Formate durcheinandergewirbelt oder gar gesprengt werden, das Zermatschen von visueller Poesie oder der Verlust von Formatierungen, der zu einem Verlust von Bedeutung führt: Dem Publikum wurde eindrücklich ins Bewusstsein gebracht, dass Lyrik oftmals mehr ist als der reine Text − und damit als reines Digitalisat lediglich ein Fragment.

Bewusst war die Veranstaltung aber keine Produktpräsentation, sondern ein Einblick in die Gedanken und Probleme bei der Realisierung von digitaler Lyrik. Das Ergebnis der Überlegungen, die Edition Binär, wird zur Leipziger Buchmesse zu sehen sein.

Was die Veranstaltung sein sollte: Eine Einladung, miteinander zu denken und zu überlegen, was Schönheit im Digitalen ausmacht und mit welchen Kriterien sie sich definieren lässt: Form, Funktion, Typographie, schöner Code, technologische Bedingungen, schöne Schnittstellen etc.

Das schöne Ebook als Prozess

Auch die Stiftung Buchkunst macht sich Gedanken über die Schönheit von Ebooks. Das alles ist ohnehin nicht neu: Die Verlegerinnen digitaler Literatur machen sich von jeher Gedanken darüber, wie schöne Ebooks oder eine Ästhetik digitaler Bücher aussehen könnten. Dazu gab es 2014 rege Diskussionen. Zur Electric Bookfair erschien 2014 ein Reader zur »Ästhetik des E-Books. Beginn einer Debatte.« Dazu gibt es 2015 klare Statements.

Möglicherweise hilft auch ein Perspektivwechsel: Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin, sandte mir vorab diese These: Das Gegenteil von Schönheit im Digitalen ist Dummheit. Darauf lässt sich trefflich herumdenken − so oder so.

Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Gedanken für andere Veröffentlichungen ziehen? Das Beispiel Lyrik zeigt recht gut, dass es nicht ausreicht, digitale Inhalte vom analogen her zu denken. Je enger Inhalte mit der Form verknüpft sind, desto eher stösst man im Digitalen an Grenzen, schon allein durch die verschieden großen Displays, an die Inhalt automatisch angepasst wird, oder die frei wählbare Schriftgröße und -art. Tun sich mitunter gerade Menschen, die dem traditionellen Büchermanchen innig verhaftet sind, deshalb so schwer mit digitalen Büchern, weil die vertrauten Kriterien für schöne Bücher hierbei nicht greifen? Meinem Eindruck hat die Beschäftigung mit digitalen Büchern immerhin einen Effekt bereits gehabt: Die gedruckten Bücher sind wieder schöner geworden. Hier besinnt man sich in Abgrenzung zum Ebook sorgfältiger auf Bekanntes.

Und daher ist vielleicht die wichtigste Frage überhaupt: Wie verändert das Digitale den Schreibprozess? Die Miniaturen der @akkordeonistin etwa sind Tweets, funktionieren aber auch hervorragend im Ebook. Ich finde das schön, wenngleich es mir schwerfiele, die Kriterien für diesem Empfindung zu definieren. Was ist also das Wahre, Gute und Schöne im Digitalen? Es wäre vermessen, ausgerechnet auf diese Frage eine einfache Antwort finden zu wollen, während doch in allen anderen Lebensbereichen die Frage nach einer Definition für Schönheit eine streitbare bleibt. Aber in der Auseinandersetzung darüber lassen sich vielleicht Kriterien finden, auf die man sich im Konsens zu einigen vermag. Wie wir es beim gedruckten Buch immerhin geschafft haben.

Schönheit entsteht nicht im Rechner, sondern vor allem im Auge des individuellen Betrachters und in der Absprache einer kulturellen Gemeinschaft. Gerade deshalb aber lässt sich darüber streiten. Das ist ja das Schöne daran. (Quelle)

 

 

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