Die Antwort ist nicht 42: zur E-Book-ISBN-Diskussion


Metadatenanreicherung will zwar keiner mehr hören – aber haben Sie in Ihrem Haus schon die entsprechenden Schritte eingeleitet? (© istockphoto.com / photovibes)

Viele kleinere und mittlere Verlagshäuser stehen in Zeiten neuer Produktvielfalt und Publikation von E-Books vor der entscheidenden Frage: Wo ordne ich diese Produkte im System und im ISBN-Nummernkreis ein? Wie behalte ich langfristig den Überblick auch bei kleineren Extrakten meiner Bücher? Und welche Möglichkeiten gibt es abgesehen von der klassischen ISBN?


Auch kleine Fragen haben große Auswirkungen – und was ist eigentlich ISTC?

Nummernkreise sind für mathematisch eher Unbegabte wie ich es bin ein Buch mit sieben oder mehr Siegeln. Angefangen bei der Aufteilung, die nun ausgerechnet deutungsschwere 13 Ziffern zu bieten hat, hat mir der EAN-Code der ISBN ebenfalls schon häufiger Vergnügen bereitet. Und nun hat die Digitalisierung wahrhaftig Einzug in unsere Papierwelt gehalten und wir stehen vor dem nächsten mathematischen Problem: der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und dies gleich in vielen Bereichen samt mehrerer Unbekannter. Ich will allerdings weniger den Blick in die Kristallkugel wagen, um zu prognostizieren wie schnell der Markt für E-Produkte bei uns wachsen wird sondern will insbesondere den kleineren Verlagen eine kurze Hilfestellung zur Vergabe der ISBN-Nummern für neue Produktkategorien geben. Die größeren Häuser können also an dieser Stelle (vermutlich) getrost aufhören zu lesen, da man hier davon ausgehen kann, dass sich damit bereits eine ganze Abteilung beschäftigt hat und das Problem sicher längst gelöst ist.

BRAUCHEN WIR EINE NEUE VERLAGSPRÄFIX?

Sollten Sie vorhaben, Ihr kleines bis mittelgroßes Haus innerhalb von 2 Jahren zu einem Konzern umzubauen und halbjährlich 2.500 neue Produkte auf den Markt werfen – ja. Wir haben in unserem Haus tatsächlich zur besseren Abgrenzung der neuen Produkte überlegt, eine weitere Verlagsnummer, als digitalen Imprint, einzuführen und dies angesichts der Kosten und möglicher Produktvielfalt erst einmal verworfen. Die Lösung dieser Frage ist augenzwinkernd zudem nicht einzig philosophischer – gehört das E-Book wirklich zum bisherigen Printprogramm – sondern auch ernsthaft praktischer Natur. Denn wenn ihr Verlag bereits mit dieser Nummer beim Barsortiment gelistet ist, wäre dies nur günstig für Ihre neuen E-Produkte. Zudem wird Ihr Warenwirtschaftssystem, oder wahlweise das des im digitalen Bereich aktiven Buchhandels, es Ihnen vielleicht auch danken. Mit dieser Verlagsnummer, also den 4 folgenden Ziffern nach der Produkt- und Länderkennzeichnung, denn das ist die Größenordnung der Verlagshäuser von denen ich hier spreche, haben Sie in der Regel 10.000 ISBN-Nummern zu vergeben, das sollte für den Anfang reichen. Auch bei Verlagshäusern mit einer fünfstelligen Verlagsnummer könnten die dafür vorgesehenen 1.000 Nummern erst einmal eine attraktive Lösung sein.
Mitarbeiter von Verlagen mit einer dreistelligen Kennziffer, die diesen Beitrag immer noch lesen, empfehle ich über die Stellenausschreibung für einen Content-Manager nachzudenken, der die Produktnummern-Einteilung mit dem Controlling und der Sales-Abteilung abstimmt 😉

BLANKE NUMMERNTHEORIE

Je nach Länge der Verlagsnummer gibt es nun zum einen die Möglichkeit, die unterschiedlichen Produkte in loser Folge, so wie bisher vermutlich auch, mit den entsprechenden Ziffern zu versorgen, also 978-3-XXXX-0001-X, 978-3-XXXX-0002-X usw. Wollen Sie aber möglichst schnell und auf einen Blick auch mit Übersichten arbeiten können, die Ihnen abgegrenzt von Nummernkreisen zum Beispiel Umsatzentwicklungen anzeigen, empfiehlt sich die Belegung eines eigenen Nummernkreises für die jeweiligen Produktlinien. Selbst wenn Sie derzeit noch nicht mit solchen Übersichten arbeiten kann dies vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt mit entsprechend aktualisierter Verlags-Software interessant werden. Ebenso interessant könnten Beobachtungen sein, wie sich unterschiedliche Formate am Markt behaupten. Am Beispiel unserer Lösung kurz gezeigt: Für alle EPUBs vergeben wir die Nummern im 9er-Nummernkreis, also 978-3-XXXX-9XXX-X, alle PDFs erhalten eine Nummer im 8er-Nummernkreis, also 978-3-XXXX-8XXX-X. Da sich die Anzahl Publikationen je nach Art des Verlages, beispielsweise im Fachbuch, aufgrund einzeln verfügbarer Kapitel als EPUB schnell vervielfachen kann, sollte man in diesem Fall abweichend möglichst einen Nummernkreis wählen, der umfangreich genug ist; beispielsweise die vorderen Kennziffern sieben bis neun für diese Produktlinie. Wer plant, parallel zu den einfachen E-Books auch angereicherte Versionen zu veröffentlichen, kann ebenfalls über eine Abgrenzung entsprechende Auswertungen vornehmen. Und wer sich wie ich gefragt hat, ob es auch für Apps eine ISBN gibt sollte sich im Zweifel an die ISBN-Agentur wenden oder aber hinnehmen, dass diese eher nicht dem buchähnlichen Produkt zugeordnet werden (ein lesenswerter Blogbeitrag zum Thema findet sich hier .
Die Kosten zum Erwerb der entsprechenden Nummernkreise für alle ISBN-fähigen Produkte bewegen sich im akzeptablen Rahmen und können hier  eingesehen werden. Wer nach Abschätzung der zukünftigen Publikationen möglicherweise doch den E-Bereich mit einer eigenen Verlagsnummer abgrenzen möchte, muss zusätzlich derzeit 129,– für die Beantragung investieren (zzgl. Versand & MwSt.).

METADATEN-ANREICHERUNG

Zur Organisation – und um auch mal wieder die Metadaten ins Spiel bringen zu können – empfiehlt sich intern außerdem die Vergabe von Werk-Identifikationsnummern (kurz IDs). In seinem Vortrag auf dem diesjährigen Publishers’ Forum ”Online Trends – Authors, Metadata, Rights and Social Media“ hat Peter Clifton von +Strategy die Thematik angesprochen, auch im Hinblick auf möglicherweise unzureichende Möglichkeiten, allein über die ISBN alle notwendigen Informationen, die ein Werk betreffen, einzuordnen (hier abzurufen). Er schlägt eine hauptsächliche Einordnung nach Autor und Werken vor. Was im PDF nicht zu sehen ist, für PR/Marketing und Vertrieb aber äußerst interessant, sind neben den publizierten Werken auch mögliche IDs zur Preisgestaltung, Lizenzvergabe, Co-Autoren bei weiteren Auflagen, zu Aktivitäten im Social Web oder klassischen Werbeaktivitäten. Diese Metadaten können gerade zur Verkaufsunterstützung und auch zur Verlinkung innerhalb der Website extrem nützlich sein (so diese Systeme miteinander verbunden sind bzw. die Daten aus einer Datenbank abgerufen werden). Durch die Zuordnung dieser IDs ist es nämlich dann im Handumdrehen möglich, beispielsweise Verkaufsempfehlungen für User oder den Handel auszugeben.
Eine weitere Möglichkeit zur Anreicherung von online-relevanten Daten ist außerdem die ISBN-A, die seit Ende 2010 die Möglichkeit eines digitalen Titelblattes bereithält. Für welche Häuser das sinnvoll ist lässt sich bestenfalls daran ablesen, wie es um die SEO-Maßnahmen im Allgemeinen bestellt ist. Wer in der komfortablen Lage ist, für jeden Titel eine Landing-Page, entsprechend suchmaschinenfreundlich aufgebaute Websites anzubieten, ein aktives Social-Media-Marketing pflegt oder sogar einen SEO-Beauftragten hat, der muss sich vermutlich nicht mehr zwingend Gedanken über solche Zusatzprodukte machen – oder hat es schon längst.

ISTC

ISTC


Der International Standard Text Code, kurz ISTC, wird derzeit weiterentwickelt und bildet alle zugehörigen Werke eines Hauptwerks ab – egal ob Video, Audio oder E-Publikation

DAS WERK AUF EINEN BLICK: ISTC

Wer sich ein wenig von der Metadaten-Arbeit abnehmen lassen möchte und sich gleichzeitig die Chance sichern, diese verlustfrei bei ONIX unterzubringen (dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer, denn der Selbstversuch steht noch aus), der sollte sich den sich derzeit immer noch weiterentwickelnden ISTC-Standard anschauen. Was nicht bedeutet, dass dies keine Arbeit verursacht, sollte sich der Standard aber durchsetzen, ist man gut beraten, sich damit  schon jetzt einmal zu beschäftigen. Zumal die Agentur für Buchmarktstandards des Börsenvereins diesen Service für Pilotverlage derzeit noch kostenlos (!) anbietet. Grundvoraussetzung ist bestenfalls der Start mit einem neuen, textlastigen Werk –  die  Diskussion darüber, welche Bücher als Werk tatsächlich für den ISTC zulässig sind, laufen derzeit noch – dem dann weitere Produkte zugeordnet werden können. Übrigens unabhängig davon, ob es sich um Produkte mit oder ohne ISBN-Nummern handelt. Zwar hängt „der Standard der Marktentwicklung etwa drei Jahre hinterher“, so die zuständige Verantwortliche der Agentur des Börsenvereins Lehr, aber er bildet schon jetzt werksbezogen alle Publikationen ab, sowohl als Feld im ONIX-Standard als auch im VlB. Die Agentur bietet als Service weiterhin die kostenlose Konvertierung von ONIX for books auf ONIX für ISTC an. Lehr rät außerdem, die ISBN so weitreichend wie möglich zu nutzen. Die Entwicklung von ISTC wird zeigen, ob sich hier tatsächlich ein Standard entwickelt, der eigentlich das bietet, wonach der ein oder andere vielleicht schon länger gesucht hatte: Eine numerische Zuordnung für alle Ausgaben eines Hauptwerkes, die kompatibel mit den Systemen des Handels ist. Und in diesem Fall kostet der Versuch abgesehen vom eigenen Arbeitseinsatz erst einmal nichts (ich hoffe, die ONIX-Beauftragten der Verlage verzeihen mir diesen Vorschlag…).

Haben Sie schon Erfahrungen mit ISBN-A, ISTC oder aber der Nummernvergabe für neue Produkte gemacht? Dann freuen wir uns über Ihre Meinung und Ihren Beitrag in den Kommentaren!

NÜTZLICHE LINKS
Deutsche ISBN-Agentur
http://www.german-isbn.de

Agentur für Buchmarktstandards
http://www.boersenverein.de/de/158246

ISTC
http://www.istc-international.org/html/news.aspx

ISBN-A Service
http://www.german-isbn.de/cgi-bin/isbn_2010.exe/showlogin?page=isbn_a_info.html&menuclass=contentgreen

2 comments

Es handelt sich übrigens um eine zuständige KollegIN beim Börsenverein, Frau Gräff 🙂

Wurde sofort bereinigt! Und ich werde mir ab sofort neue Visitenkarten drucken lassen müssen 😉

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