4 Fragen an: Dr. Ulrich Eberl

Was sind aus Ihrer Sicht die Technik-Megatrends der nächsten zehn Jahre?

In meinem Buch „Zukunft 2050“ schaue ich zwar in eine etwas fernere Zukunft, aber vieles davon wird auch schon im nächsten Jahrzehnt zu wesentlichen Veränderungen führen. Binnen zehn Jahren wird sich die Rechenleistung und Datenübertragungsrate von Mikrochips nochmal um einen Faktor 30 bis 50 erhöhen – was heute ein Smartphone leistet, bekommt man dann zum Preis von wenigen Euro auf einem kleinen Chip. Künftig werden daher winzige Sensor- und Kommunikationselemente in allen Dingen stecken: in Möbeln und Kleidung ebenso wie in Autos, die autonom und unfallfrei ihren Weg finden. Intelligente Etiketten, Sensoren und lernende Roboter werden sowohl die Fabrikarbeit als auch die Logistikbranche massiv verändern.

Hinzu kommen zwei weitere Megatrends, die sich unter dem Begriff „ganzheitliche Gesundheit“ zusammenfassen lassen: die Gesundheit unserer Umwelt und die Gesundheit des Menschen. Die alternde Gesellschaft treibt eine Vielzahl von Innovationen – im Medizinsektor ebenso wie beim Smart Home und den Servicerobotern, aber auch im Transportwesen, denn auch alte Menschen wollen noch mobil sein. Der Boom der Umwelttechnologien hat ebenfalls mehrere Treiber: natürlich den Kampf gegen den Klimawandel, aber auch die immer knapper werdenden Ressourcen – das eine bedingt den Boom der erneuerbaren Energien, das andere fördert energie- und rohstoffeffiziente Produkte und Fertigungsprozesse, Recycling und Kreislaufwirtschaft.

Warum ist IoT gerade jetzt in aller Munde?

Weil das Internet der Dinge jetzt nicht nur technisch machbar ist, sondern weil es in den kommenden Jahren auch zu drastisch sinkenden Preisen umgesetzt werden kann – und weil es jeden betreffen wird. Überall werden die Dinge miteinander und mit uns „sprechen“. Schon jetzt gibt es weltweit mehr vernetzte Geräte als Menschen, und bis 2020 soll deren Zahl auf 50 Milliarden steigen.

Was sind aus Ihrer Sicht die interessantesten IoT-Anwendungen derzeit?

Der stets zitierte „sprechende Kühlschrank“ zählt meines Erachtens zu den eher skurrilen Anwendungen. Viel wichtiger sind andere: In den Fabriken geht es dank intelligenter Etiketten um eine hoch automatisierte und zugleich extrem flexible Fertigung – in der „Industrie 4.0“ sagt jedes Werkstück den Maschinen, wie es individuell behandelt werden soll. Auf den Straßen kommunizieren Fahrzeuge künftig untereinander und mit der Infrastruktur, um Staus und Unfälle zu vermeiden. In einigen Branchen, etwa bei Börsenberichten, werten bereits Computer die Daten eigenständig aus und schreiben sie als Roboterjournalisten nieder – ebenso wie Programme große Mengen an Patientendaten analysieren und bei Arztdiagnosen helfen. Unser Energiesystem balanciert Angebot und Nachfrage immer besser selbstständig aus, um die erneuerbaren Energien bestmöglich zu integrieren. Häuser holen sich automatisch aus dem Internet den Wetterbericht, um Heizung und Kühlung zu optimieren. Und Geräte aller Art – von der Ampel übers Windrad bis zum Computertomographen und dem Hochgeschwindigkeitszug – senden Sensordaten in die Cloud, wo sie ausgewertet werden, um Fehler frühzeitig zu erkennen, noch bevor das Gerät ausfällt.

Warum macht es Sinn über Veränderungen durch das IoT nachzudenken – und welche sehen Sie?

Das IoT wird unser Leben auf allen Gebieten grundlegend verändern. Wenn Computerchips in allen Dingen stecken und sie „intelligent“ und „kommunikationsfähig“ machen, wenn Maschinen schon bald mehr miteinander reden als mit uns, dann kann dies unseren Alltag vielfach deutlich komfortabler, einfacher und sicherer machen – doch zugleich wird diese unsichtbare und eigenständige „Welt hinter unserer Welt“ neue Sorgen aufwerfen: Was passiert da eigentlich ohne unser Wissen und warum? Wie zuverlässig und wie sicher ist das Internet der Dinge, und wo können neue Gefahren entstehen?

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